Im Gespräch mit: TerraCycle

Im Februar 2014 trafen wir Marie Schütz und Wolfram Schnelle von TerraCycle Deutschland in ihrem Hauptquartier in den Berliner Osramhöfen. Wir sprachen über weltweite Müllsammelkonzepte und interessante Möglichkeiten für Schulen und Privatpersonen sich daran zu beteiligen.

Bereits als 20-Jähriger begann Tom Szaky organische Düngemittel aus Wurmkot herzustellen. Aus Geldmangel nutzte er damals als Behältnis für den Verkauf alte Plastikflaschen – und damit war die Idee von TerraCycle, Produkte aus Abfall herzustellen, geboren. Heute ist TerraCycle ein anerkanntes internationales Recycling- und Upcycling-Unternehmen, das schwer recycelbare Verpackungen und Produkte sammelt und daraus neue, umweltfreundliche Produkte herstellt. TerraCycle arbeitet mit mehr als 30 der größten Firmen der Welt zusammen, die das Recycling ihrer Produkte finanzieren. Über sogenannte Sammelprogramme bindet TerraCycle Verbraucher aktiv ein, Abfallmaterialien zu sammeln und einzuschicken.  Quelle: www.terracycle.de

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PINDACTICA: Schön, dass Sie Zeit für uns haben. Vielleicht erklären Sie kurz das System TerraCycle?

TERRACYCLE: Das ganze System TerraCycle basiert darauf Abfall recycelbar zu machen, der vorher noch nicht recycelt wurde. Warum er vorher nicht recycelt wurde, ist nicht, weil das technisch nicht möglich wäre. Beispielsweise kann man eine Zahnpastatube recyceln, aber das Einsammeln und das Weiterverarbeiten zu neuem Material ist teurer als der resultierende Rohmaterialwert. Das rechnet sich ökonomisch nicht. Wir als Terracycle können das, weil wir zu dem Hersteller hingehen und sagen: Wie wäre es, du übernimmst Verantwortung für den Abfall, den du produzierst und wirst damit zum Sponsor für so ein Sammelprogramm. Zum Beispiel ist in Deutschland die Firma Bic der Sponsor für das Sammelprogramm für Stifte über drei Jahre.

PINDACTICA: Was geben Euch die Hersteller dann genau? Ihr könnt doch wahrscheinlich nicht alles verwerten, oder?

TERRACYCLE: Doch, alles was wir einholen über unsere Programme, wird zu 100% recycelt. Nehmen wir doch mal die Stifte als Beispiel. Sagen wir, das Einsammeln und Weiterverarbeiten kostet uns 200€, wir können dann das Rohmaterial für nur 100€ verkaufen. Da würde man natürlich schnell Pleite gehen, aber Bic zahlt eben die Differenz. Wir als Terracycle kommen beim Fabrikabfall und beim Konsumentenabfall ins Spiel. Also überall dort, wo noch keine Recyclinglösung existiert.

PINDACTICA: Was wäre das in Deutschland?

TERRACYCLE: In Deutschland alles, was im Restmüll landet, denn das wird verbrannt.

PINDACTICA: Hausmüll, der in der schwarzen Tonne landet?

TERRACYCLE: Genau. Wir verstehen uns als eine Ergänzung zum dualen System und sind bemüht optimalere Lösungen zu finden, wo es eben noch nicht optimal ist. Das Wichtigste ist, dass wir einen Beitrag für die Umwelt leisten. Wir haben in unserem Programm aber auch einen sozialen Aspekt, das heißt jede Sammelstelle, die sich beteiligt, bekommt pro Stift 2 Cent gutgeschrieben und das gesammelte Geld dürfen die Einsender nicht für sich behalten, aber an eine gemeinnützige Organisation ihrer Wahl spenden.

Wir sind aber auch ein For-Profit-Unternehmen. Wir können innerhalb des existierenden Wirtschaftssystems bestehen und sind nicht angewiesen auf Unterstützung. Wir haben ein System geschaffen, bei dem wir auch einen Mehrwert für unsere Partner bieten. Den Nutzen, den die Unternehmen davon haben, ist: Dass sie das alles ihren Konsumenten entsprechend kommunizieren können. Die prägen dann beispielsweise das TerraCycle-Logo auf ihre Verpackungen.

 

UNTERNEHMENSSTANDARDS

 

PINDACTICA: Müssen die Unternehmen Standards erfüllen, mit denen Sie in Verhandlung treten?

TERRACYCLE: Uns ist natürlich wichtig, dass die Unternehmen, mit denen wir arbeiten, die richtige Intention haben. Es sollte allen klar sein, dass sie ein nachhaltiges Umweltprogramm unterstützen, in dem die Menschen wirklich die Gelegenheit haben, kontinuierlich zu sammeln. Außerdem ist wichtig, dass immer eine ganzheitliche Lösung gefunden wird. Bic unterstützt zwar das Stifte-Programm, dort können aber alle Stifte eingesandt werden. Hier kann man wirklich sagen, wir schaffen eine Lösung für die gesamte Kategorie.
TERRACYCLE AUCH AN SCHULEN
PINDACTICA: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Schulen und Lehrern?

TERRACYCLE: Jeder kann TerraCycle dabei unterstützen, Abfall abzuschaffen. Das funktioniert eben über die Sammelprogramme, über die Verbraucher aufgefordert sind, Abfall wie Stifte oder Zahnpflegeprodukte zu sammeln und kostenlos zum Recycling zu schicken. Das Ganze ist kostenlos und freiwillig. Das heißt, die Sammelstellen müssen mitmachen wollen. Wir gehen nicht irgendwo hin und stellen eine Box auf. Auf unserer Webseite können Schulen die verschiedenen Abfallarten sehen, die sie sammeln können. Man meldet sich dort an. Ein Lehrer stellt dann beispielsweise in der Schule eine Box auf und sammelt dort alle leeren und kaputten Stifte oder Zahnpflegeprodukte. Anschließend lädt er sich über die Webseite ein kostenloses Versandetikett herunter und schickt die Sachen per Post an Terracycle. Sobald das Paket in unserem Lagerhaus in der Nähe von Stuttgart eingegangen ist, wird dem Sammelteam eine Spende gutgeschrieben, die es für einen gemeinnützigen Zweck nach Wahl spenden kann. Denn pro Zahnpflegeartikel oder Stift erhalten die Sammelteams 2 Cent gutgeschrieben.

PINDACTICA: Läuft das Programm so auf der ganzen Welt?

TERRACYCLE: Überall auf der Welt. Es gibt halt kleine Unterschiede.

 

KREISLAUF ODER ENDSTATION?

 

PINDACTICA: Das was Sie produzieren, ist das weiterhin im Kreislauf oder ist das die Endstation?

TERRACYCLE: Im Prinzip, ja. Terracycle hat keine eigenen Produktions- oder Verarbeitungsanlagen. Wir gehen zu lokalen Partnern und sagen: Wir haben hier Material, dass würden wir gern gegen Gebühr verarbeiten lassen und ihr müsst eure Prozesse so anpassen, damit das möglich ist. Natürlich müssen keine neuen Maschinen dafür angeschafft werden, sondern wir streben nach Lösungen innerhalb der Recyclingstruktur.

Unser neustes Programm ist das Recyceln von Zigarettenstummeln. Der Filter einer Zigarette ist aus Plastik und kann recycelt werden. Ich denke, das ist auch spannend für Konsumenten. Wenn man erst mal sieht, dass ich Zigaretten recyceln kann, dann fängt man an darüber nachzudenken, was ist eigentlich mit all den anderen Sachen? Unsere Hoffnung ist, dass dadurch ein Umdenken stattfindet.

PINDACTICA: Gibt es Terracycle auch in anderen Städten?

TERRACYCLE: Ja, die Sammelprogramme sind national. Wir haben nur unseren Sitz hier in Berlin. Ursprünglich waren wir in Mainz, weil wir dort die Firma Landbell als Investor haben. Einer der dualen Systemanbieter. Landbell hat jetzt hier in den Osramhöfen diese Büroräume angemietet – die zu groß für uns sind. Und zwar kommen hier jetzt noch andere Firmen rein die im Bereich Nachhaltigkeit und Recycling tätig sind. Junge Start-ups, die hier zusammen an einem Ort sind, um sich gegenseitig zu befruchten.

PINDACTICA: Wo sitzen denn Ihre Kreativköpfe?

TERRACYCLE: In den USA. TerraCycle hat ein Team, das sich ausschließlich damit beschäftigt, was kann ich womit machen. Die sitzen dort in einer Garage und probieren den ganzen Tag aus.

PINDACTICA: Was haben Sie für eine Produktpalette?

TERRACYCLE: Ungefähr 4% geht ins Upcycling, da steht überall auch Terracycle drauf und das sind Produkte, bei denen auch die Form wertgeschätzt wird und nicht nur das Material. Das hat aber eine begrenzte Nachfrage. 1% geht vielleicht in Wiederverwendung und 95%, der Löwenanteil, geht in das klassisches Recycling. Uns ist egal, ob am Ende eine Tasche oder ein Mülleimer aus dem Material entsteht. Hauptsache, möglichst wenig landet im Restmüll.

PINDACTICA: Vielen Dank für das Gespräch.

Pindactica.de